Die Krankheit

   
 
 

Zu viele Botenstoffe

Hormone (Botenstoffe) sind körpereigene Wirkstoffe, die andere Organe beeinflussen und sie im funktionellen Gleichgewicht halten. Insulin z.B. wird in den Langerhans-Inseln der Bauchspeicheldrüse gebildet und reguliert den Blutzuckerspiegel. Wird nicht genügend Insulin gebildet, entsteht die Stoffwechselstörung Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit). Die daraus entstehenden körperlichen Beschwerden, z.B. viel Durst, Müdigkeit werden durch Diät oder Zufuhr von Insulin von außen bekämpft. Bei Unterzuckerung kann es zu Verwirrtheit kommen. Der Patient ähnelt einem Betrunkenen.

Dopamin ist ein Hormon, das im Gehirn dazu dient, Nachrichten von einer Kontaktstelle im Nevensystem an eine andere weiterzuleiten. Wird zu wenig Dopamin an bestimmten Stellen im Gehirn gebildet, entsteht Parkinsonsche Krankheit (Schüttellähmung).

Menschliche Organismen, die zu viel Dopamin produzieren, gibt es auch. Die daraus entstehenden schizophrenen Psychosen sind zwar mit den richtigen Medikamenten gut behandelbar, aber zunächst müssen der Betroffene und seine Umwelt mit Realitätsverlust, Wahnideen, Halluzinationen, Identitätsverlust und sozialem Rückzug umgehen lernen, die Krankheit wahrnehmen und zur Einsicht gelangen, dass Behandlung nötig ist. Das ist manchmal ein weiter Weg.

Die Krankheitsursache ist bis heute nur unzureichend aufgeklärt. Gesichert ist, dass eine genetische Disposition zur Erkrankung beiträgt. Psychisch krank werden kann jeder. Keiner ist davor geschützt. 

In einem Zeitungsartikel mit der Überschrift "Nackt auf den Schienen"  wurde ausgeführt, wie ein junger Mann nach dem Genuss von Alkohol und eines berauschenden Speise-Pilzes so verwirrt war, dass er sich völlig nackt auf die Schienen der Eisenbahn gelegt hat.                    

Solche Artikel machen uns immer sehr nachdenklich und betroffen. In unserer Gesellschaft gibt es nämlich auch viele Menschen, die solche Dinge tun, nicht weil sie Drogen konsumiert haben, sondern weil sie eine Stoffwechselstörung im Gehirn haben, die ähnliche Handlungen hervorrufen kann.                      

VER(W)IRRUNGEN und TRUGSCHLÜSSE

Manchmal kann die Beschäftigung mit dem Verrückten ganz spannend sein. Neulich begegnete mir in einer Broschüre zur Erklärung der Schizophrenie folgende Botschaft:

„Wissenschaftler gehen davon aus, dass schizophrene Symptome eng mit den Botenstoffen im Gehirn zusammenhängen. Insbesondere Dopamin und Serotonin scheinen dabei eine große Rolle zu spielen. Am Beispiel des Hörens kann das wie folgt verdeutlicht werden.

Töne gelangen als Schallwellen ins Ohr. Von dort werden sie als elektrische Signale über Nervenbahnen ins Gehirn geleitet. In der Großhirnrinde liegt das Hörzentrum, wo das Gehörte aufgenommen und verstanden wird. Die elektrischen Impulse werden nacheinander über mehrere Nerven weitergeleitet, die miteinander über Schaltstellen, so genannte Synapsen, verbunden sind. Die Synapsen sind nicht direkt miteinander verbunden. Zwischen ihnen befindet sich ein sehr schmaler Spalt. Damit die elektrischen Impulse diesen Spalt überwinden können, produziert der Körper Botenstoffe (Neurotransmitter). Diese chemischen Substanzen übertragen dann den Impuls von einem Nerv zum anderen. Im Gehirn gibt es viele hundert Milliarden solcher Synapsen und verschiedene Botenstoffe.

Bei der Betrachtung der Schizophrenie sind das Dopamin und das Serotonin wichtig. Bei einer schizophrenen Psychose ist im synaptischen Spalt die Übertragung der Nervenimpulse gestört. In bestimmten Gebieten des Gehirns scheint es in den Synapsen zu viel Dopamin zu geben. Wahrscheinlich gilt das Gleiche für das Serotonin. Durch das Zuviel an Botenstoffen werden zu viele Signale übertragen. Das verwirrt das Gehirn und führt letztlich zu den psychotischen Wahrnehmungen. Der Betroffene hört dann zum Beispiel Stimmen, obwohl in Wirklichkeit keine Schallwellen im Ohr ankommen. Die zahlreichen elektrischen Nervenimpulse werden vom Gehirn als Stimmen interpretiert.“

Nun kann ich mir das als „gesunder“ Mensch nur schwer vorstellen, aber vielleicht ist es ja so ähnlich wie bei optischen Täuschungen. Hier empfehle ich, mal in folgende Seiten reinzuschauen:

http://www.planetarium-freiburg.de/optische_Taeuschungen.html,

http://www.michaelbach.de/ot/

Hier bewegen sich zum Beispiel scheinbar Kreise, die in Wirklichkeit still stehen.

Beim Betrachten erwischte ich mich dabei, wie ich dachte:

Wahnsinn! Auch mein Gehirn ist v e r (w) irr t.                                   

SINN, SINNIG, WAHNSINNIG

Als mein Angehöriger zum ersten Mal offensichtlich akut krank wurde, war ich "wahnsinnig" überfordert. Was nun, wer hilft, wie geht es weiter, was mache ich jetzt, was sage ich, warum, wieso, weshalb...

Ein freundlicher Polizeibeamter am Telefon gab mir die Telefonnummer der Rheinischen Landesklinik. Mitten in der Nacht hörte mir eine Krankenschwester zu, Freunde hörten mich an und unterstützten mich. Trotzdem ging es mir nicht gut, und ich fühlte mich hilflos. Ab in die Bibliothek - vergeblich suchte ich nach brauchbaren Infos über die psychische Erkrankung. Was ich fand: Infomaterial des Sozialpsychiatrischen Zentrums (SPZ). Eine kompetente Sozialarbeiterin war die erste Stütze. Sie empfahl das Buch: Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis von Josef Bäuml, und sie erzählte vom Angehörigenverein. Da marschierte ich dann schnurstracks zum Monatstreffen und fühlte mich aufgehoben. Hier traf ich auf Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht hatten und sich gegenseitig stützten. Natürlich ist auch in unserem Verein nicht alles optimal, manchmal geht es auch bei uns "wahnsinnig" chaotisch zu. Auch unseren Treffen fehlt manchmal die Struktur, wir unterhalten uns dann halt und reden durcheinander - wie bei einem Familientreffen. Ich gehöre jetzt seit vielen Jahren dazu.

Diese Menschen brauchen

nicht unsere Sensationslust, nicht unseren Spott, nicht unsere Angst vor dem Ver-Rückten sondern unsere Hilfe, Verständnis und Anerkennung, dass es solche Phänomene gibt und dass es normal ist, so verschieden zu sein.

Diese Menschen verursachen ihre Krankheit nicht dadurch, dass sie bestimmte Stoffe zuführen, sondern ihr Körper produziert gewisse Hormone in der falschen Menge. Es kommt zu  Wahnvorstellungen und Halluzinationen.  Wodurch die Krankheit entsteht, weiß man bis heute nicht.

Die Selbsthilfegruppe bietet Rat und Unterstützung beim Umgang mit psychisch kranken Menschen. Wir versuchen gemeinsam, unsere Probleme zu lösen. Wir erfahren Entlastung für uns selbst und unsere kranken Angehörigen.

Wir im "Verein für Angehörige von psychisch Kranker e.V."

stärken uns gegenseitig, mit den Besonderheiten der psychischen Erkrankungen fertig zu werden. Wir sind eine Selbsthilfegruppe für Angehörige und Freunde. Wir wünschen uns, dass es in unserer Gesellschaft endlich normal wird, über psychische Erkrankungen genauso offen sprechen zu können wie über körperliche.

Wir möchte erreichen, dass psychisch erkrankte Menschen und ihre Angehörigen mit Verwandten und Freunden, Nachbarn und Lehrern, Kollegen und Chefs genauso offen über ihre psychischen Krankheiten sprechen können, wie andere über Diabetes.